Zwischen Lachen und Weinen

An der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang

Da meine nächste Reise nach Armenien zwar schon geplant ist, aber erst im nächsten Jahr ansteht, berichte ich heute über eine ganz andere Reise. Diese führte mich in Kilometern nicht weit weg, dafür in der Zeit und in der Lebenswelt an einen umso entfernteren Ort: Zu einer Wander- und Erinnerungswerkstatt namens „GrenzenLos“ entlang des Grünen Bandes, also der ehemaligen innerdeutschen Grenze. In „GrenzenLos“ stecken das Los der Grenzerfahrung in der ehemaligen DDR ebenso wie das „Los werden“ von Grenzen nach der Wiedervereinigung. Über so manche Erinnerungen können wir in den vier Tagen Ende August herzhaft lachen, wie etwa über einen guten Honecker-Witz. Bei anderen Geschichten, die uns Zeitzeugen und Teilnehmer erzählen, bleibt das Lachen im Hals stecken und es ist uns eher nach Weinen zumute. 

Gründe, mich für diese Veranstaltung anzumelden, hatte ich zu Genüge: reisepraktische, touristische und auch biografische. So ist der Tagungsort Probstzella nicht nur sehr idyllisch in einem Tal im thüringischen Schiefergebirge gelegen, sondern bietet auch noch einen Bahnanschluss. Das fand ich bei der Anmeldung im Frühjahr noch sehr praktisch, bis mir später klar wurde, dass die Regionalbahnstrecke Nürnberg – Leipzig in Zeiten des 9 Euro Tickets chronisch überlastet ist und es deshalb, nachzulesen als rote Warnung in der Bahn-App, keine Mitnahmegarantie für Reisende gibt. So ergattere ich an einem Donnerstag Nachmittag in Nürnberg zwar noch einen Sitzplatz, beim Aussteigen in Probstzella schlängele ich mich allerdings qualvoll bis zur Nähe der Tür durch. Meinen Koffer tragen zum Glück hilfsbereite Mitreisende über ihre Köpfe hinweg schon mal in die gleiche Richtung. Wie zentral der Bahnhof sonst noch im Hinblick auf das Thema Grenzerfahrung ist, lerne ich später.

Haus des Volkes: Bauhaus in der Provinz

Zunächst checke ich im Bauhaushotel am Ort ein, ein touristischer Grund, warum ich „GrenzenLos“ attraktiv fand. Die Webseite versprach nämlich ein architektonisch spannendes sowie komfortables Hotel und trotz meiner dadurch geweckten hohen Erwartungen muss ich nun feststellen, dass diese während meines Aufenthalts dort noch übertroffen wurden. Es ist seine Mischung aus Vintage-Charme, altehrwürdig, klarer Moderne und heiteren Farben, ganz ohne Plüsch und Prunk, die dieses Haus so besonders machen. Selbst der Gang durchs Treppenhaus wird zum Erlebnis, dazu kommen der Park und die Nebengebäude, die es zu entdecken und durchstöbern gilt. 

Modell eines E-Werks
Modell eines E-Werks

Nicht zuletzt mag ich die Truppe, die hier arbeitet: manchmal direkter im Ton und weniger servil, als man das von anonymen Hotelketten kennt, dafür umso enthusiastischer dabei, die Tradition des Hauses zu erhalten, wiederzubeleben und attraktiv weiterzuentwickeln. Gleich hinter dem Frühstücksraum beispielsweise findet sich ein kleines Museum, das dem Gründer und Erbauer des Hauses, Franz Itting, gewidmet ist. Er war Industrieller und Sozialdemokrat, eine Unternehmerpersönlichkeit, die wirtschaftlichen Erfolg nicht auf Kosten seiner Arbeiter erzielte, sondern diese konsequent daran beteiligte, etwa durch Werkswohnungen und Lebensversicherungen, die er finanzierte. Deshalb baute er in den Zwanzigerjahren auch an dem Ort, den er zuvor durch ein Elektrizitätswerk entwickelt hatte, im damals progressiven Bauhaus-Stil ein „Haus des Volkes“ als kulturelles und politisches Zentrum der regionalen Arbeiterbewegung. Sieben Restaurants hatte das Haus damals zu bieten, einen Saal für 1.000 Besucher, moderne Badeanlagen und noch einige weitere Entspannungsmöglichkeiten.

Milchkanne der Familie Itting
Milchkanne der Familie Itting

Dass Franz Itting auch sonst nicht dem Bonzen-Klischee entsprach, zeigt sich im Museum beispielsweise an einer verbeulten Milchkanne. Eine der Töchter des Patriarchen hat sie den heutigen Besitzern nicht nur übergeben, sondern auch die Geschichte dazu erzählt. Mit dieser Milchkanne musste sie, die Industriellen-Tochter, immer beim Bauern am Ort Milch holen gehen. Eines Tages stellt sie die Kanne so im Hof ab, dass ein Laster die Kanne erfasst und überfährt. Als sie mit der plattgedrückten Kanne zu Hause ankommt, lässt Franz Itting die Kanne in der Werkstatt des Elektrizitätswerks wieder ausdengeln, die Kanne wird weiter benutzt. 

 

Nachdem schon die Nazis den Sozialdemokraten Itting mehrfach verhaftet hatten und er nur wegen der Bombardierung des KZ Buchenwald durch die Alliierten seine Lagerhaft dort übersteht, ist auch der DDR-Regierung „der rote Itting“ ein Dorn im Auge. Erneut wird er inhaftiert und dazu noch enteignet. Nachdem er wieder frei kommt, flieht er in den Westen und fängt mit über 70 Jahren gleich hinter der Grenze mit der Gründung der Itting-Werke in Ludwigstadt in Bayern noch mal von vorne an. Dort baut er auch die Thüringer Warte, einen Aussichtsturm mit Blick auf Probstzella und die dortigen Grenzanlagen. So kann man zumindest aus dem Westen genau verfolgen, wie die DDR-Regierung die Abschottung in den nächsten Jahrzehnten perfektioniert und in eine Maschinerie des Todes verwandelt. Im Osten gab es darüber vor allem Gerüchte – und Fernsehbilder aus dem Westen, die über mehrere Zaunreihen, Minen, Hundelaufanlagen und Selbstschussanlagen aufklärten. 

Entlang der innerdeutschen Grenze

Probstzella liegt direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, als letzter Ort in der DDR und Grenzbahnhof vor der Bundesrepublik, wie man hier gut auf der Karte sehen kann: 

Am zweiten „GrenzenLos“-Tag laufen wir mit der Gebietsbetreuerin der Stiftung Naturschutz Thüringen morgens los, um mehr über die damaligen Grenzanlagen zu erfahren. Zunächst kommen wir noch an einem ehemaligen Schieferstollen vorbei, in dem sich nun Kleine Hufeisennasen wohl fühlen, eine in Deutschland vom Aussterben bedrohte Fledermausart. Der Bestand erholt sich aber in Thüringen nun ganz langsam wieder, wie uns ein junger Staatssekretär aus dem Landesumweltministerium berichtet, der mit uns mit wandert. In der Nähe des Stollens sehen wir auch eine Schieferabraumhalde, wie sie ganz typisch für die Gegend ist und welche an anderen Stellen im Schiefergebirge die Landschaft auch neu geformt haben.

Ehemaliger Kontrollturm an der innerdeutschen Grenze
Ehemaliger Kontrollturm an der innerdeutschen Grenze

Nach dem geologisch-naturkundlichen Teil der Wanderung geht es eine schmale Stichstraße steil nach oben, bis wir einen ehemaligen Kontrollturm erreichen, der direkt vor dem ersten Grenzzaun steht. Von hier aus steuerten die Offiziere die Grenzsoldaten, die die Anlagen beobachten mussten – und ausrücken, wenn sich jemand der Grenze näherte. Trotz aller Propaganda über den „antifaschistischen Schutzwall“ war den DDR-Bürgern natürlich klar, dass vor allem die eigenen Leute davon abgehalten werden sollten, die Grenze zu überwinden. Darauf waren die Anlagen ausgerichtet, nicht auf NATO-Panzer. 

DDR-Grenzsperranlagen
DDR-Grenzsperranlagen

Wie das abgelaufen ist, berichtet uns die Gebietsbetreuerin, neben dem weißen Turm stehend liest sie uns aus einem Zeitzeugenbericht vor. Zwei junge Männer, Wilfried Henschel und Hans-Ulrich Kilian, versuchen im Juni 1963 in diesen Wäldern nachts die Grenze zu überwinden. Bei Einbruch der Dunkelheit laufen sie los, durch die dunklen Wälder und erst mal einen Kilometer lang durch einen Bach, bis sie nach Stunden die Grenzanlagen erreichen. Mit einer Schere durchschneiden sie den ersten Zaun und schlagen sich weiter durch den Wald. Doch sie sind beim Aufbruch im letzten Ort als „Fremde“ identifiziert und an die Grenztruppen „gemeldet“ worden. Der Offizier im Kontrollturm schickt daher Grenzsoldaten los. Laut rufend patrouillieren sie durch den Wald: „Grenzpolizei! Parole!“ Die beiden jungen Männer rennen erst weiter und werfen sich dann schützend in eine Mulde. Zunächst haben sie Glück, der Hund, der die Grenzer begleitet, läuft an den beiden jungen Männern vorbei. Doch die Grenzsoldaten finden schließlich die beiden Flüchtlinge und einer schießt auf Kilian, praktisch vor den Augen von Henschel. Fast eine Stunde lang muss dieser den Schreien seines Freundes zuhören und dem Leiden zusehen, bis Kilian ins Krankenhaus gebracht wird, wo er schließlich stirbt. Henschel wird festgenommen, immer wieder verhört, sogar später noch mal am Ort des Geschehens, und anschließend zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. 

Am nächsten Abend sehen wir im Dokumentarfilm „eingeschlossen, abgeriegelt“ den Überlebenden, wie er vier Jahrzehnte später angespannt erneut durch diese Wälder läuft. Die Geschehnisse von damals verfolgen Wilfried Henschel immer noch, gleichzeitig ist er erschüttert darüber, dass von den Mördern an der innerdeutschen Grenze, den Soldaten und Offizieren, nach der Wende kaum jemand verurteilt wurde, und wenn, dann teilweise lediglich zu Bewährungsstrafen.

 

Mord bleibt Mord - auch wenn er befohlen wird
Mord bleibt Mord - auch wenn er befohlen wird
Sportplatz von Probstzella
Sportplatz von Probstzella

Auf dem alten Kolonnenweg, über den früher die Grenzer in ihren Geländewagen brausten, laufen wir nun den steilen Weg hinunter ins Tal und kommen an der Bahnlinie heraus. Wir folgen den Schienen zurück in den Ort. Zwischendurch machen wir noch am Sportplatz Halt, zu dem einer der Teilnehmer, ein Historiker, eine interessante Geschichte zu erzählen hat. Er stammt ursprünglich aus der Nachbarstadt Saalfeld und spielte dort in den Sechzigerjahren Fußball in der Kreisjugend. Dabei standen auch Ligaspiele in Probstzella auf dem Spielplan. Die „Einreise“ in das Grenzgebiet musste der Sportverein zuerst bei den Behörden beantragen und auch die Mannschaftsaufstellung melden. Dabei wurde regelmäßig einigen Spielern die Genehmigung verweigert, und zwar immer den drei oder vier besten Jungs der Mannschaft. Ob das reiner Zufall war, etwas mit ihrer Spielleistung oder „unzuverlässigem“ Verhalten zu tun hatte, blieb natürlich unklar. Die Saalfelder hatten es also schwer beim Gegner Probstzella und revanchierten sich auf ihre Weise. Ab und zu verschossen sie einen Ball, so dass dieser über den Grenzzaun flog. Damals war der Sportplatz auf beiden Seiten von Zäunen eingerahmt. Nach dem zweiten oder dritten verschossenen Ball kamen die heimischen Spieler mit Ersatzbällen in Bedrängnis, denn die Grenzer schossen den Ball natürlich nie zurück über den Zaun. 

Begegnung mit der Eisenbahnerin im Grenzbahnhof

Später treffen wir im ehemaligen Grenzbahnhof, der heute ein Museum ist, eine andere Zeitzeugin, die uns noch viel mehr spannende Erlebnisse zwischen Lachen und Weinen erzählt. Sie stammt aus einer alteingesessenen Eisenbahnerfamilie im Ort, denn schon im 19. Jahrhundert wurde der Bahnhof gebaut, der damals entlang der Linie Berlin – München sowohl wirtschaftlich als auch touristisch wichtig war. Güterzüge bringen den thüringischen Schiefer ins gesamte damalige deutsche Reich und Touristen strömen zur Sommerfrische ins Gebirge – etwa in den Zwanzigerjahren in Sonderzügen zum Haus des Volkes in Probstzella.

Die Eisenbahnerin berichtet uns, wie sie in der Nacht die vielen Güterzüge abfertigte, die DDR-Waren in den Westen exportierten und auf deren Deviseneinnahmen das Land dringend angewiesen war. Es herrschte Termindruck von Seiten der Bahn, andererseits nahmen sich die Grenzer manchmal bei der Kontrolle der Züge besonders viel Zeit und alle Zeitpläne kamen ins Rutschen. Grenzsoldaten gehörten übrigens zu den wenigen Personen, denen mal eine Flucht glückte, indem sie sich in die Züge schmuggelten, sie kannten ja die Tricks und Verstecke, erzählt sie uns. 

 

Die Eisenbahnerin ist resolut und selbstbewusst und kann sich durchaus zur Wehr setzen, wenn sie vom Zoll, von der Grenzpolizei oder der Stasi wegen angeblichem Fehlverhalten bei der Arbeit drangsaliert wird. Sie erzählt aber auch offen, dass sie und ihre Familie sich ansonsten jedes weitere Wort sehr gut überlegt haben, um im Ort nicht aufzufallen. Grund dafür war nicht zuletzt die „Aktion Ungeziefer“, die das Ministerium für Staatssicherheit und die Volkspolizei 1952 entlang der innerdeutschen Grenze durchführten. Etwa 11.000 Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt, teilweise wurden ganze Dörfer aufgelassen. In Probstzella und anderen etwas größeren Orten wählte man die „unzuverlässigen“ Bürger aus, etwa Kirchgänger, Bauern oder Gastwirte. Auch der Wirt des Lokals in Probstzella wird in dieser Zeit verschleppt, das Gebäude später abgerissen. Überfallsartig zerrt man die Familien aus ihren Häusern und lässt ihnen nur wenig Zeit zum Packen, wohin es geht, erfahren sie nicht. Die Eisenbahnerin hat Angst davor, dass sie und ihre Angehörigen so ebenfalls Heimat und Arbeit verlieren. Darüber hinaus geht das Gerücht um, die Verschleppten würden direkt in die Sowjetunion gebracht, erzählt sie. Dass man sie „nur“ innerhalb der DDR umsiedelt, weiß damals niemand der Betroffenen und Nachbarn. Auch dieses Unrecht ist nach der Wende von bundesdeutschen Gerichten nicht verurteilt worden, keiner der Zwangsumgesiedelten hat dafür eine Entschädigung bekommen.

 

Wenn die Eisenbahnerin es dann doch mal wagte, sich zum Regime zu äußern, dann erzählte sie beispielsweise diesen Witz weiter: Erich Honecker empfängt nach den Olympischen Spielen eine hochdekorierte Eiskunstläuferin der DDR. „Mädchen, jetzt hast Du einen Wunsch bei mir frei!“ erklärt er ihr. „Kannst Du nicht die Grenze aufmachen, Erich?“ fragt sie ihn. Er antwortet: „Du Schelm, Du willst doch nur mit mir allein sein.“

 

Pfarrer in der DDR

Evangelische Kirche St. Lorenz in Probstzella
Evangelische Kirche St. Lorenz in Probstzella

Beim Abendessen stößt ein weiterer Zeitzeuge zur „GrenzenLos“-Gruppe, ein Pfarrer, der 1977 bis 1988 als junger Mann in Probstzella die evangelische Gemeinde geleitet hat. Als er in der Abendrunde den Honecker-Witz hört, hat er weitere Grenz-Witze beizusteuern. Einer beschäftigt sich mit den Hunden, die seinerzeit unter den Grenzbewohnern so verhasst und gefürchtet waren, weil ihr aggressives Gebell Tag und Nacht durchs Tal hallte:

Warum sind Grenzstreifen immer zu dritt (mit Hund) unterwegs? Damit wenigstens einer ein Diplom hat. Ein weiterer beliebter Witz in den Achtzigerjahren in der DDR ging so: Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Zu wenig Hirn, zu viel Panzer. 

 

Neben Witzen kann der Pfarrer auch noch vorsichtig anderweitig tätig werden, denn er weiß seinen Bischof und seine Kirchenleitung hinter sich. So wirbt er im Schaukasten an der Kirche für die Friedens-Kampagne „Schwerter zu Pflugscharen“. Mehrfach wird er wegen solcher Aushänge im Schaukasten ins Bürgermeisteramt in Probstzella einbestellt, er lässt sich davon aber nicht beirren.

 

Am nächsten Tag führt er uns durch Probstzella und erzählt uns, dass die Schülerinnen und Schülern damals nicht ganz so einfach davon kamen wie er, wenn sie mit Buttons „Schwerter zu Pflugscharen“ in der Schule auftauchten. Sie wurden mit ihren Eltern zum Rektor einbestellt und mussten dort vor Zeugen die Buttons abnehmen. „Die Lehrer waren die schlimmsten“ meint er dazu und wir können erahnen, welchen Druck die Kinder und Jugendlichen seinerzeit aushalten mussten und wie man sie zu indoktrinieren versuchte. Zu den Zwangsumsiedelungen berichtet er, dass diese zwar in den Achtzigerjahren eigentlich vorbei waren, aber der Hausarzt am Ort ist für das Regime anscheinend zu „unzuverlässig“ und wird plötzlich verschleppt – der Ort bleibt ohne medizinische Versorgung zurück. 

Meine erste Grenzfahrt in den Achtzigerjahren

Nach all den berührenden Zeitzeugen-Berichten möchte ich am Ende noch erzählen, welche biografischen Gründe mich zu „GrenzenLos“ geführt haben – auch wenn diese im Vergleich zu den bisherigen Schilderungen nicht so aufregend, unmittelbar oder gar gefährlich sind. 

 

Als West-Kind ohne Ost-Verwandtschaft war für mich die DDR gefühlt so weit weg wie China, damit war ich in der schwäbischen Provinz wohl kein Einzelfall. Damit sich dies ändert, wird meine gesamte Klasse im 11. Schuljahr 1986/1987 mit der Konrad-Adenauer-Stiftung auf „Zonenrandfahrt“ geschickt. Eine Woche lang wohnen wir in einer Pension in Bayern ganz in der Nähe der Grenze und erhalten politischen Unterricht. Zudem stehen eine Fahrt zu einem Aussichtspunkt auf die Grenzanlagen und am Samstag ein Ausflug nach Eisenach in Thüringen auf dem Programm. Viele Schulklassen aus dem Westen machen damals solche Fahrten, unsere wird jedoch etwas denkwürdiger und gehört für mich bis heute zu den eindringlichsten Erinnerungen an meine Schulzeit. Ein wichtiger Grund dafür ist, nennen wir sie mal Kerstin, unsere Klassenkameradin, die ein paar Jahre vorher mit ihrer Familie aus der DDR ausgereist war – nicht geflüchtet, sondern nach einem Ausreiseantrag und jahrelangem Warten. Kerstin ist das Nesthäkchen in der Familie und bekommt daher wenig davon mit, wie sich die Eltern und ihre älteren Brüder in der DDR eingeschränkt fühlen und schikaniert werden. So darf einer ihrer Brüder etwa nicht Medizin studieren, wie die Mutter, sondern muss eine Ausbildung beginnen. Kerstin ist als Kindergartenkind und Grundschülerin glücklich mit ihrem DDR-Leben und umso bestürzter, als sie nach dem Ausreiseantrag der Eltern nicht mehr zu den Jungen Pionieren darf. Erst als sie im Westen sind, erfährt sie vieles, was ihr die Familie aus Angst darüber, dass sich das Kind verplappert, gar nicht gesagt haben. Für uns Jugendliche sind ihre Berichte in dieser Woche in der bayrischen Provinz erschütternd und viel eindringlicher als alles, was uns die professionellen Dozenten beibringen wollen. 

 

Doch eines Morgens kommt ein weiterer Herr in den Unterricht, er trägt Uniform und stellt sich als Vertreter der DDR-Regierung vor, er möchte nun seine Sicht auf die Dinge erläutern, erklärt er uns. Wir schauen im Laufe des Morgens immer wieder zu Kerstin, die aber an diesem Tag stumm bleibt. Stattdessen meldet sich die Klasse umso lautstarker zu Wort und verwickelt den DDR-Abgesandten in hitzige Streitgespräche. Irgendwann kommt es zu Geschrei und Tumulten, der Uniformierte verlässt überstürzt den Raum. Wir bleiben erst mal ratlos zurück, ein paar Minuten später kommt unser Lehrer zurück, ebenso der Mann aus der DDR, nun aber ohne Uniform. Er berichtet, dass er selbst DDR-Flüchtling sei und dieses Rollenspiel in einigen Schulungen durchgeführt habe, aber so kontrovers wie bei uns habe er das noch nicht erlebt. Kerstin sei übrigens eingeweiht gewesen, versichert er uns noch. Trotzdem hat seine Lektion bei uns funktioniert, wir haben ihm die Rolle ja abgenommen und können uns nun noch mehr vorstellen, welchen Druck Menschen, die in der DDR in irgendeine nicht opportune Richtung politisch dachten und fühlten, aushalten mussten und wie die Maschinerie der Indoktrination wirkte. 

 

Am letzten Tag der „Zonenrandfahrt“ besuchen wir Eisenach und die Wartburg. Der Kontrast zwischen ein paar hübsch renovierten Vorzeige-Gässchen in der Altstadt und dem Verfall und dem Schutt überall darum herum hat mich damals sehr bewegt. Auf der Wartburg gibt es wieder Streit, diesmal zwischen den frommen Pietisten in unserer schwäbischen Gruppe und dem sozialistischen Führer in der Burg, deren Lutherbild diametral entgegengesetzt aussehen. Unser Lehrer geht diesmal frühzeitig dazwischen, in der DDR erlaubt er uns aus Sorge um die Gruppe keine Meinungsfreiheit. 

 

Die Wartburg bei Eisenach, CC BY-SA 3.0 Moritz Grenke
Die Wartburg bei Eisenach, CC BY-SA 3.0 Moritz Grenke

Sterbende Wälder und Grünes Band

Was viele in der „GrenzenLos“-Gruppe im hier und jetzt bewegt hat, sind die sterbenden Wälder, die auch Probstzella umgeben. Als jemand aus der Gruppe zu dem Pfarrer meint, er sei bestimmt melancholisch gestimmt aufgrund seiner Rückkehr an den Grenzort, verbunden mit so vielen Erinnerungen, verneint er dies. Die zerstörten Wälder ringsherum erschütterten ihn viel mehr und er führt weiter aus, wie sich seiner Meinung nach Christen heutzutage besonders für die Erhaltung der Schöpfung einsetzen müssten.

 

Vor allem die Fichten, die an den Hängen des Schiefergebirges gepflanzt wurden, sind in weiten Teilen abgestorben oder schon abgeholzt und haben große Kahlstellen hinterlassen. Doch das Grüne Band, die ehemalige Todeszone der Grenzanlagen, bleibt weiter grün, denn hier konnte sich die Natur entfalten, es wächst Mischwald, der sich behauptet. 

 

Wir beschließen „GrenzenLos“ mit einer Runde an „Fundstücken“, Erinnerungen aller Art aus den letzten Tagen. Der Historiker bringt ein von ihm verfasstes Buch mit, in dem einer der Passierscheine abgedruckt ist, der ihn damals in Probstzella Fußball spielen ließ. Eine der beiden Leiterinnen zitiert das Wort „Halt“ als eindrückliche Erinnerung aus den Zeitzeugenberichten. Andere Teilnehmer nehmen enthusiastische Erinnerungen an die Architektur des Bauhaushotels mit, ihr ganz besonderes Fundstück dieser Reise. 

 

Hier ist mein Fundstück:

 

Gerne bin ich mit der Kamera in der Natur unterwegs, aber an vielen Stellen empfand ich in den Wäldern rund um Probstzella die schmalen, braunen Fichtenbaumleichen als zu bedrückend, als dass ich sie fotografieren konnte. Doch an einer Stelle auf dem ehemaligen Kolonnenweg steht eine kräftige, weit ausladende und grün leuchtende Buche und beansprucht den Raum, den die abgeholzten Fichten hinter ihr freigemacht haben. Im Hintergrund warten weitere tote Fichten auf die Waldarbeiter. Üppiges Leben neben der gescheiterten Monokultur, für mich ein Zeichen der Hoffnung, dass und wie sich unsere Wälder entwickeln können. So, wie auch das Grüne Band, entstanden aus dem ehemaligen Todesstreifen vor über dreißig Jahren, nun Leben und Artenvielfalt schützt.

Blick auf das Grüne Band zwischen abgestorbenen Fichten
Blick auf das Grüne Band zwischen abgestorbenen Fichten

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Kommentare: 1
  • #1

    Bärbel Bertuch (Mittwoch, 28 September 2022 18:55)

    Vielen Dank für diesen interessanten Blog.Er weckt Erinnerungen an meine Kindheit, die ich in der DDR in einem Dorf unmittelbar an der entstehenden sog. Zonengrenze verbracht habe.
    Ich freue mich auf die nächsten Berichte aus Armenien.