Winterfrische

Karl May im Kaukasus

Wieder einmal bietet sich mir die Gelegenheit, übers Wochenende in den Süden Armeniens zu fahren. Diesmal ist die Entscheidung, ob ich mitfahre, sehr einfach. Denn das Wetter verspricht ganz wunderbar zu werden und zudem denke ich mir, dass noch mal etwas Erholung vor dem Weihnachtsendspurt ebenfalls nicht schaden kann.

 

Erneut fahren wir die mir nun schon vertraute Strecke durch die Arax-Ebene bis zum Dreiländereck, die sich dann die Berge hinaufwindet. Schon nach einigen Kurven zeigt ein Blick zurück, wie kristallklar an diesem Novemberwochenende die Bergluft ist. Der Ararat hat durch die Schneefälle seit September deutliche Konturen bekommen und erscheint uns hier oben zum Greifen nah, obwohl wir uns von ihm von Yerevan aus eher entfernt haben.

Unser erstes Ziel ist zunächst wieder ein mittelalterliches Kloster in den Bergen. Im Gegensatz zu den Klöstern, die ich bisher kennengelernt habe, ist dieser Ort wirklich abgelegen. Noravankh etwa ist ja touristisch gut erschlossen, mit ausgebauten Straßen, bewachtem Parkplatz, Kerzenverkauf, Souveniershop, Museum, Restaurant und Klohäuschen. Alles das gibt es in Gndevankh nicht. Die Straße dorthin führt etwa zehn Kilometer lang von der Hauptstraße durch ein Flusstal zum Ende der Schlucht. Das Tal ist mal breiter, mal schmaler, die Straße ebenso mal breit und gerade, mal schmal, kurvig und voller Schlaglöcher. Aber der Weg bleibt befahrbar. Vermutlich haben wir diesen Umstand eher den diversen Fischzuchten zu verdanken, an denen wir vorbeikommen, als der Klosteranlage.

 

Im Reiseführer war der Weg durch das Tal als einer der spektakulärsten Schluchten Armeniens beschrieben. Solche Superlative machen mich ja sonst eher skeptisch und sicher habe ich auch noch nicht einmal annähernd alle sehenswerten Schluchten Armeniens gesehen. Aber was soll ich sagen, das Panorama ist stellenweise wirklich atemberaubend! Der vulkanische Ursprung der Berge kommt an vielen Stellen eindrucksvoll zum Vorschein. Manchmal fühle ich mich wie mitten in einem Winnetou-Film, nur dass keine Indianer um die felsigen Ecken geritten kommen. 

Wir rumpeln das Tal entlang, überqueren schließlich auf einer schmalen Brücke den Fluss und kurven dann ein Stück weit den steilen Berg hinauf. Immer noch verrät nichts, dass hier ein Kloster sein soll. Schließlich mündet der Weg in einen Parkplatz, den wir uns mit einem Lada teilen, am Berghang neben uns ragt eine Steinmauer auf. Wir genießen zunächst die Aussicht und das Ende des Geschaukels und steigen dann den Hang hinauf. Erst hinter der Mauer sehen wir dann die Klosterkirche und die darum liegenden Gebäude. Keine Menschenseele weit und breit, nur Bienen und Salamander. Irgendwann hören wir in der Ferne ein Rufen und sehen dann einen Bauern, wie er seinen Reitesel quer über den Hang treibt.

Wir durchstöbern weiter ungestört das ganze Gelände, bewundern die schönen alten Kreuzsteine und natürlich die Klosterkirche. Darin brennt Licht, draußen lehnt eine Schaufel an der Kirchenwand, vor einem Kreuzstein liegen Kartoffeln zum Trocknen. Es wirkt alles gepflegt und bewirtschaftet, es ist nur kein Wirtschafter da.

Schließlich gehen wir wieder hinunter zum Parkplatz, am Auto planen wir den Rückweg. Die eine Karte zeigt eine kurze Strecke durch den hinteren Teil des Tals direkt nach Djermuk, unserem nächsten Ziel. Die andere Karte jedoch weist kurz hinter dem Kloster eine Wegblockade aus. Was nun? Dann sehen und hören wir, dass doch tatsächlich ein Taxi den Berg hinauf fährt – der Fahrer wird sicher den Weg kennen! Einige Minuten später rollt das Taxi auf den Parkplatz, eine Touristin in schwarzer Pelzweste kommt zur Klosterbesichtigung. Auf Russisch, Armenisch, einigen Brocken Englisch und vielen Handzeichen macht uns der Taxifahrer schließlich klar, dass wir den gleichen Weg zurück fahren sollen zur Hauptstraße und dann am oberen Rand des Tales entlang weiter nach Djermuk. Wir folgen diesem Rat, was uns zudem ermöglicht, das Tal noch mal ausführlich sowohl von unten als auch von oben zu bewundern. 

Schließlich erreichen wir eine Schafherde später unser zweites Ziel der Reise, den Luftkurort Djermuk. Bereits zu Sowjetzeiten ein beliebter Ferienort, nimmt er nun wieder Schwung auf, kürzlich hat ein neues 4-Sterne-Hotel eröffnet, dem wir uns neugierig nähern. Das Hotel ist modern und gemütlich zugleich und in der absoluten Nebensaison – es liegt zwar schon Schnee hier oben, aber zum Ski fahren reicht es noch nicht – haben wir das Haus fast für uns alleine.

Aber zunächst erkunden wir das Örtchen, in dem sich alter Bäder-Charme mit Sozialismus und Moderne mischen. Die elegante Trinkhalle bietet das sehr metallisch-gesund schmeckende Wasser abgestuft in verschiedenen Temperaturen an. 

Und neben dem Dorf-Supermarkt hat das Örtchen z.B. auch einem Juwelier und ein Sportmodengeschäft aufzuweisen – wenn man Jogginganzüge mit Glitzersteinchen mag, findet man hier eine große Auswahl.

Doch am besten gefällt mir an Djermuk die malerische Lage zwischen schneebedeckten Hügeln und Bergen. Und das Tal, in dem der Ort liegt, ist luftig und weit, mit vielen Seen, in denen sich die Berge und der Himmel wiederspiegeln.

Während wir herumspazieren, verschwindet die Sonne im Tal allmählich, aber die umliegenden Hügel sind immer noch vom Sonnenlicht beschienen.  Irgendwann verwandeln sich dann die weißen Schneefelder am Horizont in ein spektakuläres orange-rosa Kaukasusglühen, das auf dem Foto kaum noch einzufangen ist.


Eigentlich sind die Straßen fast ausgestorben, aber auf dem Rückweg ins Hotel begegnen uns drei Armenierinnen mit Trinkbechern, die uns neugierig ausfragen. Wieder kratzen wir alle uns bekannten armenischen und russischen Wörter zusammen – diesmal, um zu erzählen, wo wir herkommen und was wir so machen. Ich bin dann als Frau bei solchen Gelegenheiten immer froh, auf Armenisch sagen zu können „Jes germanuhi em.“ Denn Männer müssten sagen: „Jes germanazi em.

Den Worten folgen dann diverse Runden von Fotos mit den Kameras und Handys aller drei Damen. Daher drücke ich meinem Begleiter am Ende auch noch mein Handy in die Hand.

Am nächsten Morgen kurven wir durch die Berge wieder zurück nach Yerevan. Schon kurz nach Djermuk sehen wir am Horizont zwei kleine, aber sehr charakteristische weiße Kegel zwischen den Bergketten herausragen – kann das der Ararat sein, so weit weg? Doch, er ist es. So lange wir durch die Berge zurückfahren, werden die beiden Kegel vor uns immer größer und schöner.


Umso größer dann die Enttäuschung, als wir aus den Bergen herausfahren: Je näher der Ararat uns kommt, umso mehr entzieht er sich jetzt unseren Blicken. Wir tauchen hinab in den Dunst, der Himmel verwandelt sich von stahlblau in milchigweiß. Wir fahren auf dem Rückweg recht nah am Ararat vorbei, aber wenn wir nicht wüssten, dass er da ist, würden wir ihn kaum finden – ein Suchbild in der Milchsuppe. Umso besser, dass wir dieses Wochenende in der Winterfrische verbracht haben!

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Christoph Harsdorf (Sonntag, 29 November 2015 18:51)

    Wie alle Vorgänger wieder superlebendig und eine gute Mischung zwischen Reisebericht im klassischen, gelehrten Stil und moderner teilnehmnder Betrachtung! Da wäre man gerne dabei gewesen!

  • #2

    Thomas Blumenrath (Montag, 30 November 2015 08:12)

    Herr Harsdorf trifft es auf den Punkt! Und die Bilder fangen die Stimmung wirklich prima ein. Wenn ich nicht selber am Samstag unterwegs gewesen wäre, ich wäre jetzt wirklich neidisch.

  • #3

    Moma (Montag, 30 November 2015 08:33)

    Sehr Schoen

  • #4

    Wolfgang Harmgardt (Dienstag, 01 Dezember 2015 15:17)

    Du beschreibst den Trip so anschaulich, als wäre man selbst dabei gewesen.

  • #5

    heike (Montag, 07 Dezember 2015 21:45)

    Hallo Silvia, mit Begeisterung lese ich Deine Berichte. Ich wünsch Dir eine schõne Zeit .....liebe Grüße Heike